Willkommen auf New Reformation

Wer die Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern

Das Evangelium ist keine Privatsache

sondern eine höchst brisante Botschaft an alle Instanzen aller Länder

Löwe und Lamm

Gott erklärt man nicht mal eben auf dem Bierdeckel

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Neueste Artikel

25 Februar, 2017

Kann man beim Sex beten?


Sexualität und Spiritualität konkurrieren nicht miteinander, vielmehr ergänzen sie einander. Das meint jedenfalls Debra Hirch, Autorin des Buches Redeeming Sex, auf unserem diesjährigen Leadership Summit.

Innovatoren, bitte!


Alan Hirsch betont die Notwendigkeit neuer Denker in den Gemeinden. Die Gemeinde wurde von wahren Innovatoren, den Aposteln aufgebaut, meint er, doch irgendwie seinen uns solche Leute auf dem Weg verloren gegangen. Wir brauchen gerade wieder heute sie so dringend wie in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte.

24 Februar, 2017

Multikulti-Leadership

Dudley erläutert den Segelkurs
Unser Summit hat begonnen, wie immer bis zum Rand mit Begegnungen, Programm und Menschen gefüllt. Den Tag vor dem offiziellen Start haben wir die Herausforderung der Entscheidungsfindung in multikulturellen Zusammenhang diskutiert. Was mir dabei wieder einmal bestätigt wurde: Es ist alles andere als einfach. Geduld, Weisheit und Gottes Geist ist nötiger denn je.

22 Februar, 2017

Leadership Summit 2017

Heute reise ich zu unserem jährlichen Leadership Summit. Fast schon eine Tradition. Ich werde mein Zimmer mit einem Deutsch-Brasilianer teilen. Und Euch die nächsten Tage auf dem Laufenden halten, was hier so abgeht. Freu mich über das ein oder andere Gebet für diese Tage.


21 Februar, 2017

Einsatz


Wir haben zwar ein System, wie im Konfliktfall vorzugehen ist, doch manchmal muss ich eben selber ran. Das kommt nicht oft, aber immer wieder vor. Auch in diesem Jahr musste ich schon ran. Und was halte ich davon? Ich habe gelernt, das Konflikt grundsätzlich etwas Gutes ist. Konflikte zeigen die Vielfalt in der Schöpfung, ja, auch im Himmelreich. Ich bin mir sicher, dass es auch im Himmel unterschiedliche Meinungen, Erfahrungen, Ansichten oder Persönlichkeiten geben wird. So wurden wir eben geschaffen, und jeder Konflikt ist ein Beweis, wie sehr wir alle aufeinander angewiesen sind, um uns gegenseitig ergänzen zu können.

Armselig läuft hingegen meistens unser Umgang mit dem Konflikt ab. Anstatt voller Neugier erfahren zu wollen, was hier an Unerwartetem entstehen kann, laufen wir davon. Es ist die Konfliktscheu, die unsere Sündhaftigkeit beweist, nicht der Konflikt. Die Scheu sagt, ich laufe weg, ich bin mir selbst genug, ich brauche den anderen nicht. Die Scheu ist ein Ergebnis der Angst, die uns steuert. Angst, verletzt zu werden; Angst, zurückzuschlagen.

Der reife Christ begrüßt den Konflikt, findet Mut zur Begegnung mit dem Anderen, sucht nach den Lektionen, hat sich selbst unter Kontrolle, achtet den anderen höher als sich selbst, verleugnet sein Ego. So werden Konflikte im Himmel ausgetragen werden, und es wird jedes Mal ein großartiges Schauspiel werden, das im rauschenden Applaus der Zuschauer mündet: Ach, SOO hatte Gott sich die Lösung gedacht! Wie genial! Halleluja!

Wir sind auf Erden meist weit von der himmlischen Konfliktbewältigung entfernt, doch wir können ihr durchaus ein gutes Stück näher kommen. Das ist mein Bestreben, wenn ich als Vermittler eingeschaltet werde. Wir haben selten perfekte Lösungen erarbeitet, doch meistens eine Haltung der Versöhnung à la Himmelreich erreicht. Deswegen fahre ich meistens mit etwas mulmigen Gefühl auf solche Einsätze und komme mit dankbarem Herzen zurück: Ich durfte einen Tropfen Himmel verabreichen und selber schmecken.

20 Februar, 2017

Im Gefolge der Einsamkeit


Wo die Einsamkeit das Regiment übernimmt, da ist auch die Eskorte nicht fern: Verzweiflung, Depression, Betäubung.

Mein Post von Samstag über einen erschreckenden Anstieg der Anzahl total vereinsamter Menschen wurde diese Woche von einer Pressemeldung indirekt bestätigt: Im Jahre 2016 ist die Menge beschlagnahmter Drogen durch den Zoll um 1100% (eintausendeinhundert) gestiegen. Das wird mit einem enorm gestiegenen Drogenhandel in Verbindung gebracht.

Sind das Früchte, die ihre Wurzel in säkularer Aufklärung haben?

18 Februar, 2017

Zahl der Beerdigungen ohne Trauernde hat sich in drei Jahren verdoppelt



Die Zahl der sogenannten "zeremonielosen Beerdigungen" hat sich in Schweden im Landesdurchschnitt von 2013 auf 2015 verdoppelt. Das bedeutet, dass die Angehörigen, so überhaupt welche auffindbar sind, bewusst keine Trauerfeier wünschen und keine Verantwortung im Prozess bis zur Beerdigung übernehmen. Der Verstorbene wird entsprechend durch die Behörden anonym verbrannt, die Urne irgendwo beigesetzt. Schweden, wohl immer noch Vorbild vieler Deutsche, zeigt uns damit, wohin Säkularisierung und Individualisierung führen: Zur anonymen Einsamkeit. Auf gut deutsch gesagt: Kein Schwein interessiert's. In der schwedischen Landeshauptstadt trifft dieses Schicksal heute schon fast jeden zehnten Toten. Tendenz steigend. Wo werden wir in fünf Jahren sein?

17 Februar, 2017

Apropos Langsamkeit. Oder: Lesen macht dumm.

Als Ergänzung zu meinem (interessanten?) Blogpost zur Entdeckung der Langsamkeit möchte ich Euch gerne zu einem kleinen Wettbewerb herausfordern. Das geht so: Ich werde Euch einen kurzen Text geben, und Ihr messt die Zeit, die Ihr zum Lesen braucht. Es wird ungefähr eine gute Buchseite sein. Ich habe zum Lesen dieser einen Seite mindestens eine halbe Stunde gebraucht. Weil ich nicht nur ein langsamer Leser bin, sondern, wie der Schwede sagen würde, ein "scheißelangsamer".

So ungefähr ging es vor sich:

Es war sehr früh morgens. Wegen der langen Schlange an der Sicherheitskontrolle war ich einer der letzten, die das Flugzeug bestiegen hatten. Endlich saß ich an meinem Platz und schlug mein Buch auf, um weiterzulesen, begann eben jene Seite, die Ihr auch gleich bekommen werdet. Während sich meine Augen die ersten zwei Zeilen entlangschlängelten, fragte ich mich immer noch, warum die beiden Kinder hinter mir in der Securityschlange am Weinen waren, warum die beiden Mütter so besorgt aussahen. Naja, aber dafür sah das Kleinkind aus Reihe eins im Flieger, mit dem ich fast eine Minute beim Warten in Gang geshakert hatte, umso glücklicher aus. Großer Bruder und Mutter in Reihe eins waren auch gut drauf.

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Hach, der Platz neben mir bleibt doch nicht frei. Der junge Geschäftsmann war der Allerletzte beim Boarding und setzt sich neben mich. Er sieht aus, als flöge er täglich zu Geschäftsterminen. Warum fliegt er nicht Business Class?

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Alles ist saukalt im Flieger. Die Sitze, die Luft, die Wände. Ist das heute der erste Flug dieser Boeing 737? Ja, wahrscheinlich. Der ganze Flügel ist ja vereist.

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Es stinkt plötzlich nach Kerosin! Puh! Ach so, man hat wohl nach dem Betanken endlich das Heizgebläse angemacht.

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Plötzlich riechts nach Scheibenwaschanlage, gleichzeitig bombardiert rosa Schleim knallend mein Außenfenster. Immer wieder faszinierend. Womit verdienen Flugzeugenteiser eigentlich im Sommer ihr Geld?

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Ja, isses denn wahr?! Da popelt einer höchst genüsslich und ungeniert. Ob er seine Beute gleich auffrisst?


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Oh, wie das ruckelt, es geht los, wenn auch erstmal rückwärts. Mann, was die Turbine beim Anlassen qualmt. Echter Kaltstart. Sieht fast schon gefährlich aus.


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Sicherheitsballet. Die Stewardess ist blond, pummelig und kurz vor der Rente.

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Wir rollen. Oh, sie mal, die Boeing der Norwegian dort, wie sie gerade enteist wird. Die Beleuchtung des dahinwehenden rosa Dampfes ist dramatisch und filmreif. Wir nähern uns der Startbahn.


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Der routinierte Geschäftsmann neben mir fummelt sehr nervös ständig mit seinen Händen herum und knibbelt ohne Hinzusehen aggressiv an seinen Fingernägeln. Ist er doch nicht so routiniert, wie es schien? Oder hat er immer noch große Flugangst? Soll ich seine Hand halten? Soll ich es wagen? Wie würde er reagieren?

Nein, ich wage es nicht und lese stattdessen weiter.

Aaahh, diese Beschleunigung beim Start! Ich werde in den Sitz gepresst. Nichts ist schöner. Wir heben ab in die Dunkelheit.

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Es duftet nach Kaffee. Draußen erkennt man gefrorene Seen in der Tiefe. Ob ich gleich die Sonne aufgehen sehe?

Nach 15 Minuten bin ich auf Zeile 15 angekommen. So geht mir das ganz oft beim Lesen. Egal, ob ich im Flieger oder auf einem Küchenstuhl sitze. Besonders erwähnenswert war dieses Mal aber der Text, den ich während eben dieses Fluges gelesen habe. Der Inhalt. Und jetzt seid Ihr an der Reihe. Ich möchte, dass Du denselben Text auch liest. Wie Du siehst, bin ich langsam. Es besteht also kein Grund zur Unruhe, Du wirst mich locker schlagen.

Oder?!

Die Zeit gilt ab:

JETZT.

Ernst Pöppel, der kriegsbedingt recht spät eingeschult worden ist, kann sich gut an die Zeit erinnern, in der er noch unbelesen war. »Es war etwas vollkommen anderes, ich schweifte mit offenen Augen und Ohren durch die Natur. Die Sinneseindrücke und die Erzählungen der anderen waren ja die einzigen Möglichkeiten, etwas Neues zu erfahren«, erzählt er. Also hörte man seinen Mitmenschen genauer zu, sah sich die Dinge an oder nahm sie in die Hand, um mehr über die Welt zu erfahren. Und wie ist es als lesender Mensch? »Der genaue Blick in die Welt ist erheblich eingeschränkt worden«, sagt der Vielleser Pöppel, obwohl er in seinem Leben mittlerweile 100 000 Stunden mit Lesen verbracht hat und jeden Tag mindestens 100 Seiten liest. »Lesen ist bereichernd, aber trotzdem: Der ursprüngliche Blick ist verloren gegangen und wurde durch eine mittelbare Betrachtung ersetzt.« Das hat Auswirkungen, so der Hirnforscher: »Für die feinen Unterschiede, die sich mir optisch darbieten, bin ich weniger empfänglich als früher. Eigentlich gehe ich verblindet durch die Welt, abgestumpft für den Reichtum dessen, was sich in meinem weiteren Gesichtsfeld zeigt. Ich erkenne die Farben, doch ich erlebe sie nicht mehr.« Die Fokussierung auf das artifiziell Visuelle beim Lesen führt des Weiteren dazu, dass die anderen Sinnesorgane bzw. die Interpretation ihrer Informationen im Gehirn verkümmern. Das Visuelle ist dominant geworden, das Hören, Tasten, Riechen, Schmecken oder Sichbewegen zieht weniger Aufmerksamkeit auf sich. Wir stumpfen in jeder Hinsicht ab für das, was es in der Welt um uns herum gibt. Fairerweise muss man dazusagen, dass auch das Leben in Städten und in geschlossenen Räumen hineinspielt, ebenso wie der Umgang mit Technik, die uns die Welt vermittelt, wodurch es viel weniger notwendig ist, dass unsere Sinne geschärft bleiben. 

Natürlich sind Menschen, die nicht lesen können, in unserer Gesellschaft benachteiligt. Aber aus Sicht der Hirnforschung sieht es eben anders aus: Menschen, die ohne Lesenlernen aufwachsen, haben eine intensivere Wahrnehmung der Welt als Menschen, die ihre Zeit über Bücher gebeugt in Zimmern verbringen. Wobei es nicht nur um das Lesen von Büchern geht, sondern generell um die Vermittlung der Welt durch Hilfsmittel. 

Smartphone und Navi –Lesen 3.0 

Systematische Verblindung 
Ist das jetzt nur ein einzelnes Phänomen eines Professors oder eine breite Strömung? Um diese Frage zu beantworten, fuhren die Autoren gemeinsam mit der S-Bahn. Die S7, die vom Münchner Hauptbahnhof sowohl Pullach anfährt, wo Ernst Pöppel zu Hause ist, als auch Icking, das Heimatdorf von Beatrice Wagner, ist ein guter Ort, um das Verhalten von Menschen zu beobachten. Auch Schüler fahren mit dieser Linie, die S-Bahn-Abteile sind erfüllt von Lärm, Geschrei sowie von SMS-Piepsern und Klingeltönen. Viele Kinder und Jugendliche haben ihre Smartphones dabei, tippen herum oder telefonieren. So auch das 16-jährige Mädchen neben uns. Eine Nachricht nach der anderen macht sich mit einem Beep bemerkbar und wird beantwortet. Bis das Telefon klingelt. »Ja wo bist du denn jetzt?«, schallt es laut aus dem iPhone. »Hier im ersten Wagen, es ist voll«, so die lautstarke Antwort des Mädchens. »Aber wir sind doch auch hier«, tönt es blechern aus dem Lautsprecher. Das Mädchen schaut sich um, springt auf und läuft in das Nebenabteil. »Ich hab dich gar nicht gesehen«, ruft sie. Natürlich hat sie die Freundin nicht gesehen, wie könnte sie auch, sie war ja nur mit ihrem Smartphone beschäftigt. 

Die beiden Autoren, die sich gerade über den Sinn und Unsinn des Lesens unterhalten haben, müssen grinsen. Volltreffer! Genau das meinten wir. Vergleichbares hätte auch dem Touristen passieren können, der einen Reiseführer über die Schönheit des Isartals liest, anstatt sich selbst umzuschauen. Man geht verblindet durch die Welt und verlässt sich auf die mittelbare Betrachtung durch ein Hilfsmittel. Beim Lesen eines Buches wird beschrieben, was in der Welt passiert, so muss man es nicht mehr selbst erleben. Beim Bedienen eines Smartphones ist man von der Aufgabe entbunden, sich selbst umzuschauen. Die Hilfsmittel übernehmen das, was eigentlich Augen, Ohren, Nase und die anderen Sinne leisten sollten.

(Aus:
Ernst Pöppel und Beatrice Wagner: dummheit. warum wir heute die einfachsten dinge nicht mehr wissen. München: Riemann Verlag, 2013.)

 Und? Wie lange hast Du gebraucht?!


16 Februar, 2017

Mal ehrlich: Soll man Bettlern Geld geben?

Bettler mit Botschaft: Scene aus "Bruce Almighty"

Ich sah die Dame schon die ganze Zeit auf dem Busbahnhof herumschlawenzeln. Übergewichtig und im schmutzigen, aber farbenfrohen, südosteuropäischen Traditionsgewand. In der Hand jener typische Pappbecher mit ein paar Münzen drin. Mehrmals ignorierte sie mich, doch mein Bus ließ zu lange auf sich warten. Irgendwann stand sie direkt vor mir und schaute mich mit treuen Hundeaugen an. Ich wich nicht aus und blickte lächelnd zurück. Doch mein schönes Lächeln war ihr nicht genug. Sie wollte mehr von mir. Verführerisch tanzte der Becher vor meinem Gesicht. Tja, was soll man da machen? Ich lächelte noch etwas breiter und sagte freundlich: Nej, tack. Grad so, als hätte ich ein Stück Sahnetorte abgelehnt. Offenbar verstand sie aber kein Schwedisch. Aus dem anmutigen Becherbauchtanz wurde ein Becherkasatschok, mit Münzen im militärischen Gleichschritt rasselnd. Hinter dem Becher verfinsterten sich zudem die Hundeaugen. Mir war, als sollte ich beschwört werden, als würde ihre zweite Hand gleich eine Kristallkugel oder mindestens Tarotkarten aus dem Folklorekleid zaubern, um mir meine elende Zukunft im Falle meiner Verweigerung zu offenbaren. Also wiederholte ich meine Schwedischlektion. Nach nur fünf Wiederholungen hatte sie die beiden Worte "nej" und "tack" begriffen. Leider freute sie sich gar nicht über den kostenlosen Sprachunterricht. Ihr böser Blick war schwarz wie die Nacht, während sie von dannen zog.

Ich bin überzeugt, richtig gehandelt zu haben. Keine faulen Ausreden bei Bettlern. Sich stattdessen freundlich grüßen und anschauen. So weit es geht ein paar Worte wechseln. Ich habe keine Angst vor Bettlern. Sie nerven mich auch nicht. Aufdringlicher als die dicke, bunte Dame wird kaum jemand. Die allermeisten akzeptieren ein Nein und wenn nicht, ist das ganz sicher nicht mein Problem. Ich kann auch fünfmal freundlich ”nein, danke” sagen, ohne genervt oder ausfällig zu werden.

Und dennoch denke ich ganz ehrlich, dass wir Bettlern etwas geben sollten. Nicht immer, aber immer wieder. Natürlich, es gibt dieses Gerede, dass das alles organisierte Banden seien, Menschen würden ausgenutzt und so etwas sollte man nicht unterstützen. Wer mir das sagt, erzählt mir mehr über sich selbst als über die Bettlerei. Mag sein, vielleicht ist einiges organisiert. Auf den Beweis warte ich aber immer noch. Wer mit dieser Logik auffährt, dürfte konsequent auch kein Auto kaufen, keine Schokolade essen und keinen Kaffee trinken. Mit all dem unterstützen wir sehr, sehr viel Dunkleres, was sich wirklich in der Welt organisiert hat. Einem Bettler etwas zu geben, hat meiner Meinung nach nur wenig mit organisierter Kriminalität zu tun.

Einem Bettler etwas zu geben, ist eine geistiche Übung. Eine Hantel für die Seele. Je öfter wir sie stemmen, desto stärker werden wir. Anfänger legen im Vorbeigehen vielleicht nur ein paar Cent in den Becher. Das ist das Leichtgewicht. Fortgeschrittene geben nicht nur Geld, sondern auch ein echtes, selbstsicheres Lächeln. Vielleicht tauscht man sogar ein paar Worte aus. Schwergewichte fragen, ob sie vielleicht etwas bestimmtes benötigen oder wünschen. Das kann ein Toastbrot oder eine Dose Red Bull sein, die man dann vom Einkauf mitbringt. Profi-Seelenbodybuilder bauen eine Beziehung auf und setzen sich dann und wann sogar für ein paar Minuten neben den Bettler.

Wer das tut, trainiert seine Großzügigkeit. Nicht nur finanziell. Man teilt großzügiger sein Lächeln, seine Zeit, sein Herz. Wer das tut, verändert seinen Charakter.

Jede Stadt ist heutzutage ein gigantisches Fitnesscenter. Gott hat an jeder Straßenecke Übungen für uns aufgestellt. Wir müssen sie nur nutzen.

ÜBERRASCHUNG!!! - Der Bettler war Gottes Verkleidung (gespielt von Morgan Freeman)

15 Februar, 2017

Er ist weg.

Heute wollte ich Euch eigentlich Nicki vorstellen. Ich treffe ihn mindestens einmal die Woche. Wir begrüßen uns, tauschen aus. Meist kaufe ich ihm etwas ein oder gebe ihm etwas Geld. Nicki hat mir geholfen, Leben und Alltag eines Bettlers besser zu verstehen. So wusste ich, dass er Familie, Eltern, Frau und Kinder weit weg in seinem Heimatland hat. Ich habe gesehen, wie er sich auf dem kalten Boden erkältete und trotzdem weiterarbeitete, um seine Familie versorgen zu können. Er erzählte mir, wie es ist, hier zum Arzt gehen zu müssen. Und ich wusste, dass er Ende Februar zurück in sein Heimatland muss, um seiner Familie zu helfen. Er hofft aber sehr, wieder nach Schweden zurückzukommen, und dann wünscht er sich einen richtigen Job. Immer wieder haben wir ihm auch warme Getränke, eine Toilette, einen Platz zum Aufwärmen angeboten.

Nun war ich eine Zeit nicht hier. Als ich heute wiederkam, hatte ich ihm ein kleines Geschenk mitgebracht. Doch er war nicht da. Wie ich hörte, war seine Mutter schwer erkrankt. Offenbar hatte er das Geld für die Heimreise zusammen und sich auf den Weg gemacht. Meine Gebete begleiten ihn. Vielleicht mögt Ihr mit mir für Nicki beten, dass er wirklich ein neues Leben inklusive einer richtigen Arbeit findet.

Sein nun leerer Arbeitsplatz. Unter dem Briefkasten klemmt noch seine Matte.

14 Februar, 2017

Ungewöhnliche Bekehrung

Wir alle wissen, dass Gott stärker als der Tod ist und damit über jeglichen Trends der Zeit oder politischem Schwachsinn steht. Deswegen darf man das Unerwartete nie ganz ausschließen, auch nicht in Landstrichen, die als "Missionarsfriedhöfe" bekannt sind. Zu den Freuden meines Jobs gehört es, manche Geschichten ganz aktuell aus erster Hand zu erfahren.

Wie zum Beispiel jenes Vorkomnis in einem unserer Teams - ein Team, das ich sehr, sehr schätze und so oft ich kann aufmuntere (aber aus Gründen der Diskretion nicht öffentlich hier nennen möchte). Sie haben eine unglaublich gute Arbeit in ihrer Stadt aufgebaut, mutig, weise, lustig, tief, voller Liebe und in der Kraft des Geistes. Ich hatte die Möglichkeit, das Projekt mit meinen eigenen Augen zu sehen. Obwohl man keinerlei Reklame betrieb, erregte die Arbeit wachsendes Interesse in der Stadt. Schließlich wurde sogar die Aufmerksamkeit der Stadtverwaltung erregt. Um mehr zu erfahren, lud deren Vorsteher - offenbar heimlich - einige Leiter älterer Gemeinden in sein Büro, um sich zu informieren. Zu einem weiteren Treffen wurden dann auch die Teamleiter unseres Teams eingeladen, die keine Ahnung hatten, warum sie plötzlich ins hochoffizielle Rathaus der Stadt zitiert wurden. Dort wurde ihnen in Anwesenheit der anderen Pastoren eröffnet, dass der Bürgermeister sich taufen lassen möchte - aufgrund des überzeugenden Zeugnisses dieser Arbeit.

Was für eine Geschichte! Was für ein vorbildliches Zusammenspiel! Ihr dürft mit mir Gott danke sagen und für den neugeborenen Bürgermeister beten!


13 Februar, 2017

Die Entdeckung der Langsamkeit


Meine Frau spielt schon lange keine Strategiespiele mehr mit mir. Anfangs fand sie es immer lustig, weil sie jedes Spiel gewann. Vor allem neue Spiele. Doch nach ein paar Spielen, Tagen oder Wochen, wenn ich es dann endlich auch begriffen hatte und beginne, eigene Taktiken zu entwickeln, wird der Spieß umgedreht. Nach einigen Ehejahren entdeckte sie dieses Muster und fand es fortan langweilig, gegen mich immer nur noch zu verlieren.

So geht es mir oft. Mittlerweile weiß ich es: Wenn mir neue Leute ein neues Spiel beibringen wollen, fühle ich mich grundsätzlich wie ein dummer Schuljunge, der gar nichts rafft, während alle anderen sofort kapieren, was abgeht. Aus diesem Grunde habe ich wohl auch nie Skat gelernt, trotz vieler Versuche, es mir beizubringen. Das Gefühl, dumm zu sein und andere mit meiner Dummheit zu nerven, war wahrscheinlich immer die größte Erfolgsbremse. Die Abseitsregel habe ich auch erst bei der WM 2010 in Südafrika gerafft. Nicht, weil sie mir da jemand erklären konnte, nein. Als sonst extrem gemäßigter Fußballinteressierter habe ich aber erstmals sämtliche WM-Spiele nacheinander angesehen hatte endlich die Gelegenheit, jene ominöse Abseitsregel selbst zu entdecken und verstehen.

Ich muss zugeben: So funktioniere ich. Langsam. Ich komme schwer aus dem Bett und bin immer der letzte, der mit dem Essen fertig ist. Obwohl Langsamkeit durchaus ihre Vorteile hat, wird sie grundsätzlich als Manko angesehen. Alles muss schnell gehen, erledigt werden, fertig sein. Heute muss alles noch schneller als schnell gehen. Am schnellsten gibt es gar nicht mehr, denn eigentlich sollte immer noch ein bisschen schneller drin sein. Manche zweifeln sogar an, ob die Lichtgeschwindigkeit wirklich das Ende der Fahnenstange ist.

In meinen Studien zum Thema Dummheit entdecke ich hingegen, dass Langsamkeit alles andere als dumm ist. Langsamkeit ist sogar sehr viel weiser als Schnelligkeit. Weisheit lädt man nicht während ein paar Millisekunden herunter. Sie wächst über Jahrzehnte. So man sie denn pflegt und nährt, sonst wächst sie gar nicht. Unsere "Hier-und-jetzt-aber-sofort-Gesellschaft" zeichnet sich sogar in vielen Fällen durch ausgesprochene Dummheit aus. Wir treffen kurzfristige Entscheidungen ohne an die Zeit danach zu denken. Börsenhändler denken nur ans Heute. Manager an die nächsten Monate. Politiker an ihre Legislaturperiode. Pastoren an die Zeit ihrer Anstellung in dieser Gemeinde. Wer denkt an die nächste Generation? Die übernächste? Und trifft heute entsprechende Entscheidungen? Richtet eventuell sein ganzes Leben danach aus? Wer weiß schon, dass man heute keine Fichten mehr aufforsten sollte, Deutschlands Nadelbaum Nummer eins, weil sie die Erderwärmung nicht vertragen werden und unsere Urenkel nur noch an Plastiktischen sitzen werden?

Das Problem ist, dass wir von Kindesbeinen an gelehrt werden, schnell sein zu müssen. Wer nicht mithalten kann, hinkt hinterher. Schon unsere Sprache ist voller Idiome, die Schnelligkeit als wichtig betonen. Doch damit werden wir zu kulturellen Kaltblütern, unfähig, langfristige Trends wahrzunehmen wie der berühmte Frosch im Kochtopf. Wer also lehrt uns Langsamkeit? Wer erklärt uns, wie man weise wird? Wer bringt uns bei, in großen Zeitrahmen zu denken und das Heute entsprechend zu gestalten?

Ihr ahnt es schon: Die Gemeinde wäre der ideale Platz. Wir dienen dem Gott der Ewigkeiten. Mit unglaublicher Geduld lässt Er nicht nach, uns Geduld zu lehren. Er gibt uns kapitelweise Lektionen zum Thema Weisheit. Er beschreibt uns als Bäume, die am Wasser gepflanzt sind und Früchte tragen. Kein Baum, keine Frucht lässt sich mit LTE-Geschwindigkeit downloaden. Sie wachsen langsam. Und wenn Spanien Scheißwetter hat, bleiben bei uns die Gemüseregale leer. Schnell hin oder her. Die Gemeinde hat wohl den unglaublichen Auftrag, der Welt die Freuden und die Ruhe der Langsamkeit beizubringen.

Wie gut, dass es in unseren Gemeinden kaum Stress gibt, dass sie Orte des puren Aufatmens und Durchschnaufen sind, dass wir unseren Gemeindezielen in einem Milieu der Gemächlichkeit nachstreben, dass wir uns Zeit zum Feiern und zur echten Lebensfreude nehmen, dass wir Geduld miteinander haben wie Gott sie mit uns hat, dass unsere Gemeinden ein so angehmer Kontrast zum hastigen Businessmanagement sind, dass wir Menschen und Gemeinschaft wichtiger nehmen als Aufgaben und Programme.

Die Gemeinde ist wahrlich etwas vom Himmel auf Erden. Ein Stückchen Ewigkeit. Oder?!

11 Februar, 2017

Nicht ganz sicher...

Nur zwei Dinge sind unendlich: 
Das Universum und 
die Dummheit des Menschen. 
Beim Universum bin ich mir allerdings noch nicht ganz sicher.

Albert Einstein 


10 Februar, 2017

Quo vadis, Welt?


Man fragt sich, welchen Kurs die Welt des Westens gerade einschlägt. Das, worauf man angeblich immer sooo unglaublich stolz war, nämlich die Vernunft der Aufklärung, Freiheit von der "Bevormundung der Kirche", säkulare und demokratische Gesellschaften, opfert man gerade höchst freiwillig auf dem Altar der Demokratie, der Wahlurne. Man fasst kurzssichtige Entscheidungen und lässt höchst zweifelhafte Gestalten das Ruder übernehmen. Es ist nicht auszuschließen, dass im Wahljahr 2017 noch so mancher saurer Apfel vom Baume fällt.

Ich frage mich, was das sowohl für die Gemeinde im Allgemeinen als auch für mich persönlich im Speziellen bedeutet. Es gibt keinen einfachen Antworten. Doch der beste Ansatz bei allen Forschungsfragen ist lesen und beten. Und wenn ihr mich fragt, womit ich mich in meiner persönlichen Andacht täglich beschäftige, dann sei euch verraten: mit Dummheiten. Ich brauche eine Theologie zur Dummheit, um mein tägliches Kopfschütteln, meine Fassungslosigkeit besser verstehen zu können. Inwieweit sich das in meinem Blog widerspiegeln wird, weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall kann ich verraten, dass es hier sehr viel Interessantes zu entdecken gibt. Und ich freue mich darauf, bei einem guten Glas Wein einiger Eurer Ein- und Ansichten zum Thema Dummheit zu hören.


09 Februar, 2017

Unanständige Spielwaren? Oder: Die größten Probleme nachchristlichen Wohlstandes


In Schweden wurde neulich ein Spielwarenladen gerichtlich verurteilt. Der Laden hatte sich allen Ernstes erlaubt (stellt euch vor!) auf einem Plakat mit einem als Pirat verkleideten Jungen und einem als Engel verkleidetem Mädchen zu werben. Ich nehme an, jeder von uns würde sofort vor Gericht ziehen, wenn wir ein solches Plakat sähen. In einem SPIELWARENLADEN! Der Laden wurde also verurteilt. Wegen Sexismus. Weil das ja klar ist. Wäre das Mädchen der Pirat und der Junge der Engel gewesen, hätt' sich keiner aufgeregt, logisch. Aber so! Wenn der Junge etwas weiblicher gewesen wäre, mit langem Haar vielleicht, dann wäre das auch noch ok gewesen, las ich in der Zeitung. Sachen gibts.

So, ich muss jetzt aufhören. Meine Lockenwickler müssen raus.



08 Februar, 2017

New-reformation ist nicht Last Reformation


Googelt man ”new reformation” bekommt man viele Links, die zur dänischen Bewegung Last Reformation führen. Ich wollte nur mal so erwähnt haben, dass weder ich persönlich noch Communitas als Organisation etwas mit dieser Bewegung zu tun haben. Ich habe nichts Konkretes  gegen sie zu sagen, aber auch nichts Gutes. Das, was ich meist über persönliche Kontakte oder Anhänger von der Last Reformation mitbekomme, klingt in meinen Ohren etwas merkwürdig, manchmal sogar sektiererisch. Außerdem finde ich, dass keiner weiß, wann die ”letzte Reformation” stattfindet. Das können wir ebensowenig wissen wie das Datum der Wiederkunft des Herrn.

Neue Reformationen werden hingegen ständig gebraucht. Im Grunde ist jeder Tag eine Reformation des eigenen Lebens. Und die Neuformung unseres Lebens sollten wir dem Herrn des Neuen Lebens vollständig überlassen. Ebenso wie den Tag, an dem Er dies zum letzten Mal tun wird, weil Er Lust hat, uns zu sich zu rufen.

07 Februar, 2017

Beten nicht vergessen!


Die erste Serie zur Gemeinde der Zukunft habe ich weniger geschrieben, um Neugier zu befriedigen. Aus diesem Grund hat Gott noch nie prophetisch gesprochen. Es geht viel mehr um Vorbereitung und Umkehr. Und dies geschieht vor allem im Gebet, in der Beziehung mit dem Herrn.  Deswegen möchte ich uns alle zum Gebet ermahnen und darum bitten, besonders für die Gemeinden der Zukunft zu beten, für alle ihre Möglichkeiten und Herausforderungen.

06 Februar, 2017

"Die Zukunft des Westens"

"Bonn"
 Zum Abschluss dieser ersten Serie zum Thema "Gemeinde der Zukunft" ein paar Zeilen aus Mark Sayers faszinierendem Buch "Disappearing Church" (Verschwindende Gemeinde):

In den neunziger Jahren sagte der kanadische Autor Douglas Coupland die Zukunft des Westens wie folgt voraus: 

"Der Westen wird wie Bonn sein - wie eine saubere, ordentliche, moderne deutsche Stadt." 

Er sollte Recht behalten. Die Zukunft des Westens sieht in der Tat wie Bonn oder eine skandinavische Metropole aus, vielleicht auch wie meine Heimatstadt Melbourne, gewählt zur lebenswertesten Stadt mit all ihren Cafés, kreativen Gewerben, großartigem öffentlichen Nahverkehr, einem zivilen Religionsverständnis und fortschrittlichen Werten. Selbst die einflussreichsten Kulturcities der USA verwandeln sich mehr und mehr in diese Form. Wie wir in Kapitel drei noch sehen werden, sind solche Plätze eine enorme missionarische Herausforderung. 

Als jemand, der in der Nähe Bonns geboren wurde und dort seinen Militärdienst absolvierte und als jemand, der heute in "einer skandinavischen Metropole" lebt, könnte ich ihm nicht mehr zustimmen - vor allem seiner Schlussfolgerung der enormen missionarischen Herausforderung.

Sollte jemand von Euch Kapitel drei oder den Rest des Buches gerne selber lesen wollen, so könnt ihr es hier finden.


"Eine skandinavische Metropole" (Göteborg)



04 Februar, 2017

Die Pforten der Hölle werden auch die Gemeinde der Zukunft nichtüberwinden (12)




Nun, meine Serie zum Thema Gemeinde der Zukunft mag dem ein oder anderen etwas zu pessimistisch klingen oder gar Angst hervorrufen. Bei allen Herausforderungen, die sich unserer Science-Fiction-Welt stellen werden, ist es leicht, die Versprechen Gottes zu vergessen. Und dazu gehört, dass die Gemeinde unüberwindbar sein wird. Nichts und niemand wird sie ausrotten oder besiegen können. Weder Tod noch Leben kann uns von Gott trennen.

Die Gemeinde der Zukunft wird kämpfen müssen, gewiss. Doch das musste die Gemeinde zu allen Zeiten. So manche Geschwister werden sich dann und wann in unsere glorreichen Glanztage zurückwünschen, wenn sie in Kirchengeschichtsbüchern über gefüllte Alphakurse und Willow-Creek-Konferenzen lesen. Sie werden manchmal etwas unverständlich den Kopf darüber schütteln, dass wir unser Gemeindewachstum und unsere schönen und teuren Gemeindehäuser meist als selbstverständlich ansahen. Dass wir davon ausgingen, so werde es immer sein, weil es immer so sein muss. Sie werden denken "Ach, wenn die damals gewusst hätten!" Ja, das werden sie denken, aber wir denken heute doch auch viel über unsere Vorväter, schütteln den Kopf über sie und fragen uns "Warum haben die das nicht gesehen, was wir sehen?"

Doch eins hat die Gemeinde zu allen Zeiten gemeinsam: Sie ist nie k.o. zu Boden gegangen. Ortsgemeinden mögen sterben, gewiss. Doch der Leib Christi wird es nicht, auch in Zukunft nicht. Er ist nur einmal gestorben und dann zu ewigem Leben auferstanden.

Unsere geistlichen Kinder werden also wie unsere geistlichen Väter die bittere Medizin sein, die die Welt so dringend braucht, und sie werden sie mit Liebe reichen und die Welt pflegen.

Bis der Arzt kommt. Bis zum letzten Tag.

03 Februar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (11) wird eine prophetische Stimme entwickeln müssen


Liebe und Prophetie sind die Hauptzwecke der Geistesgaben. Jede Gabe soll die Liebe Gottes vermitteln, spürbar und erlebbar werden lassen. Gleichzeitig vermitteln sie eine Realität, die dem Mensch von Hause aus verborgen ist.

In Zeiten, wo sich der Mensch als Individuum ins Zentrum stellt und daran langsam aber sicher in Einsamkeit vertrocknet, kann Liebe wie ein Regen in der Wüste sein. Doch wer Gott nicht kennt, weiß auch nicht um die vielen Dimensionen, die Liebe noch alles haben kann: Selbstlosigkeit, Opferbreitschaft, eben alles, was in 1 Korinther 13 aufgelistet wird. Der Gemeinde der Zukunft wird die wichtige Aufgabe zukommen, prophetisch zu lieben, das neue Herz zu leben, auf die Neue Schöpfung hinzuweisen.

Dazu gehört auch der Mut, die Scheinheiligkeit des nachchristlichen Säkularismus zu enthüllen, das zerfressenne Innere unter den schön designten Oberflächen zu zeigen. Wie Krebsbilder auf Tabakverpackungen werden wir sagen müssen: Seht her, dazu kann es führen, wenn der Mensch nur sich selbst liebt und Gott vergisst.

Damit werden sich die Geschwister der Zukunft nicht nur Freunde machen. Wie Jesus, der die Überzeugungen der Kulturarchitekten seiner Zeit, die Pharisäer und Sadduzäer öffentlich bloßstellte und damit schieren Hass erntete, geht es jedem, der ein Allerheiligstes in Frage stellt. Und das Allerheilgste des zukünftigen Westens werden unsere wunderschönen Illusionen sein. Niemand will sie sich nehmen lassen, denn was darunter gedeihen konnte, kann Ähnlichkeit mit Monstern haben.

Propheten haben schon immer gefährlich gelebt. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

02 Februar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (10) wird teilweise im Untergrund verschwinden


Zwei Gründe sprechen dafür, warum ein beachtlicher Teil der gesamten Gemeinde in der Zukunft des Westens unsichtbar und unterirdisch leben wird.

Erstens wird der immer deutlicher werdende Zusammenbruch der klassischen Kirchenrollen und Gemeindeformen eine große Lücke in der Gesellschaft hinterlassen. Viele werden versuchen, mit missionarischem Eifer und neuen Ideen diese Lücke zu füllen. H2O wäre ein sehr gutes Beispiel. Doch so hilfreich und wichtig solche Gemeindeversuchslabore, Experimentwerkstätten und kreativen Projekte auch sind, sie werden nie die Substanz aufbauen können, die 1700 Jahre Christentum à la Institution hinterlässt. Wird man sich also ausschließlich als Lückenfüller verstehen, ist man hoffnungslos überfordert, die zarten und jungen Strukturen werden brechen und nur kurze Lebensdauer haben.

Will die Gemeinde der Zukunft also dauerhaft überleben, gibt es nur eine Chance: Sich für eine Weile zurückzuziehen um sich seiner neuen Rolle in einer neuen Welt bewusst zu werden. Wir müssen vor allem in die Tiefe wachsen und ein starkes Fundament in einem neuen Boden ziehen. Damit meine ich vor allem geistliche Stärke, Jüngerschaft und theologische Tiefe. Nur so werden wir eines Tages - so denn die Rückkehr des Herrn sich noch länger verzögern wird - wieder sprießen können, und dann stark und eine große Fläche deckend.

Der zweite Grund für ein zu erwartendes Dasein im Untergrund ist der übliche: Eine mehr oder weniger feindliche Gesinnung unserer Umwelt, die uns einen Teil der Freiheiten raubt, die wir heute noch gewöhnt sind. Was wir nicht öffentlich tun dürfen, werden wir heimlich tun. Das ist ein Teil der Kirchengeschichte, der sich immer wiederholen wird.

01 Februar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (9) ist geprägt von der Vergangenheit ihrer Gläubigen


Wir alle wissen, wie schwierig es ist, aus alten Mustern herauszukommen, neue Gewohnheiten zu entwickeln. Hand auf's Herz: Das gilt auch für Christen, die den Heiligen Geist in sich haben, mit dem eigentlich nichts unmöglich ist.

Für unsere zukünftigen Geschwister werden wir dieselbe Geduld aufbringen müssen, die der Heilige Geist mit uns hatte und immer noch hat. Es mag uns schwerer fallen, weil deren Lebensprobleme ganz anders aussehen werden als unsere. Einsamkeit, Identitätsprobleme, psychische Störungen oder Abhängigkeiten waren von 30 Jahren eher die Ausnahme in Gemeinden, in 30 Jahren ist es wohl normal. Enttsprechend werden die Aktivitäten und Unterweisungen und das ganze Gemeindeleben aussehen: Völlig anders, als wir es heute kennen. Was der Heilige Geist damit im Einzelnen alles machen wird, ist schwer zu sagen. Der Wind weht ja bekanntlich, wo er will.


31 Januar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (8) leidet an enormer Fluktuation


In Zukunft werden Gemeinden an zwei Formen von Fluktuation leiden. Die erste ist tatsächliche Fluktuation. Jobwechsel, Umzüge, neue Lebensumstände - die Flexibilität der neuen Zeit lässt so manchen Gläubigen nur ein oder zwei Jahre in derselben Gemeinde verbringen. Jugendgruppen und Studentengemeinden kennen das Problem schon lange, nun wird es auch die Gemeinden der "Großen" erreichen.

Die zweite ist gewählte Fluktuation. Es wird eine steigende Anzahl Gläubige geben, die Gemeinde X als ihre Gemeinde und ihr geistliches Zuhause loben. Doch sie tauchen nur dann auf, wenn es gerade passt, und es gibt viele Gründe, warum es gerade nicht passt. Das kann dazu führen, dass sich an drei aufeinanderfolgenden Wochen drei völlig verschiedene Menschengruppen treffen, die sich alle kennen mögen und zur selben Gemeinde rechnen.

Beide Fluktuationen zusammen werden so manchen Leiter frustrieren, denn trotz vieler Stärken zeigt es die Unzuverlässigkeit und Kurzlebigkeit vieler zukünftiger Gemeinschaften.

30 Januar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (7) hat andere moralische Werte


Fangen wir heute mit dem an, was die meisten Alten wohl ohnehin als schlechte Nachricht befürchten:  Zukünftige Gemeinden werden deutlich weniger Probleme mit sexueller Erregung haben als die meisten ihrer Vorgänger. Und zwar auch außerhalb der Institution, die wir heute als staatlich festgelegte Ehe kennen. Das heißt nicht, dass die lebenslange, monogame und treue Beziehung als höchstes, anzustrebendes Modell von Christen aufgegeben wird. Doch man wird gnädiger sein mit allen, denen das nicht gelingt. Wie man allerdings "gnädig" und "Gnade" definieren wird, bleibt wohl jeder Gruppe selbst überlassen. Ich bin mir sicher, dass sexuelle Unbekümmertheit bis hin zur Freizügigkeit aus heutiger Sicht als einer der Schwachpunkte der Zukunftsgemeinde ausgelegt werden könnte.

Dafür gibt es viele Gründe. Erstens war Sex über Jahrhunderte die ultimative Kardinalssünde Nummer eins. Um das zu korrigieren, wäre es nicht verwunderlich, wenn das Pendel erstmal in die andere Richtung schwingt. Zweitens ist Sex und Porno heute überall leicht zu haben. Das prägt. Drittens leben viele in Einsamkeit, mit Identitätsproblemen und starkem Liebesbedarf, Tendenz steigend. Wenn man aus so einer Welt plötzlich in eine Gemeinde kommt, Leben, Nähe und Liebe erfährt, spürt man auch schon mal alle Hormone im Unterleib ausströmen. Und wer's vergessen haben sollte: Auch Christen sind weder perfekt noch sexlose Kakteen. Schloeßlich werden auch Menschen aus homosexuellen Kreisen zum Glauben kommen, in manchen Städten mehr als in anderen. Sie bringen ihre Geschichte(n) mit und prägen damit die Gemeinschaft.

Auf der anderen Seite wird Gemeinde in Zukunft Stärken haben, wo wir blinde Flecken tragen. Die Betonung auf Gemeinschaft und Authentizität hatte ich schon in anderen Posts erwähnt. Doch auch Themen, die von Frommen vergangener Generationen als unnötig oder gar unbiblisch angesehen wurden, werden einen festen Platz in der Jüngerschaft bekommen. Dazu gehört der Umweltschutz und der bewusste Umgang mit Ressourcen. Auch die Tierwelt wird als zu erlösender Teil der Schöpfung angesehen werden, der geschützt gehört. Ein deutlicher Trend geht heute schon zur vegetarischen Ernährung und es ist nicht ausgeschlossen, dass in jungen Gemeinden zumindest das Verzehren von Rindfleisch als verpöhnt angesehen werden wird - teilweise aus Tierschutzgründen, teilweise aus Umweltschutzgründen.

Eins steht auf jeden Fall fest: Die Behauptung, es gäbe weder Moral noch Werte mehr, ist eine dumme Unterstellung. Es gibt immer und ohne Ausnahme Werte und Moral, sie sind Teil jeder Lebenskultur. Wer sagt, sie würden aufhören, sieht nur die eigenen verschwinden und hat die neuen noch nicht entdeckt. Und die neuen können mindestens ebenso biblisch sein wie die alten.


28 Januar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (6) legt Wert auf Beziehung


Eigentlich sollte es überflüssig sein, zu diesem Thema einen eigenen Blogpost zu schreiben. Gemeinde sollte immer Gemeinschaft und damit Beziehung sein. Leider ist sie's nicht. Allzuoft wurde Christentum mit einer unpersönlichen, frommes Show am Sonntagmorgen assoziiert: Man geht hin, schaut kostümierten Experten bei der Vorführung zu und geht wieder heim.

Doch in Zeiten fotorealistischer 3D-Animationen, Cyberbrillen, wuchernder Vereinsamung und Individualisierung drängt uns der Geist Gottes mehr und mehr in Gemeinschaft als Jüngerschaftsschule hinein. Viele Gemeinden haben heute schon ein Kirchencafé. Das ist ein ebenso winziger wie wichtiger Anfang. In Zukunft wird man noch mehr abhängen wollen, voreinander echt sein. Und genau wie sich am säkularen Arbeitsplatz der soziale Wunschfokus vom "gutem Chef" (den wollte man gestern) auf "tolle Kollegen" (die will man morgen) verlagert, so wird man in zukünftigen Gemeinden weniger Gewicht auf einen "guten Pastor" legen und mehr auf "tolle Geschwister".

Fürbittegebete mit Körperkontakt nehmen heute schon stark zu. Handauflegungen, Umarmungen, Salbungen wird man immer häufiger sehen. Aber auch der prophetische Zuspruch wird immer mehr gewünscht und bereitwillig entgegengenommen, nicht selten als Beweis der Gegenwart Gottes hergenommen.

Das wachsende Bedürfnis an Gemeinschaft wird in Verbindung mit dem schon genannten Trend zu mehr Hausgemeinden zu mehr christlichen Wohngemeinschaften führen - einschließlich echte Investitionen in christlich motivierte Mehrgenerationenhäuser. Hier gilt zwar auch "es gibt nichts Neues unter der Sonne", schließlich haben viele Klosterorden sehr ähnliche Wurzeln. Doch so manches wird sich dennoch ganz neu anfühlen - vor allem, wenn alle Welt vereinsamt und keiner sich erinnern kann, was Gemeinschaft eigentlich ist und sein kann.

Überspitzt könnte man zusammenfassen, dass sich der Fokus sich gerade von durchdachter Sachlichkeit auf gefühltes Miteinander verlagert.

27 Januar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (5) ist ökumenisch


Wo es immer weniger Christen gibt, kann man sich keinen Exklusivismus leisten. Das ist kein neuer Trend. Schon lange spalten sich keine Denominationen mehr wegen des Backrezepts eines Abendmahlsbrotes. Solche Lächerlichkeiten konnte man sich nur leisten, als es in jedem Dorf noch genug Christen gab, die Zeit und Lust genug hatten, über solche Unwichtigkeiten zu streiten. War man erstmal lange genug der einsame, einzige Christ im Dorf, dann freut man sich über einen zweiten einsamen. Und plötzlich werden die Gemeinsamkeiten wichtiger als die Unterschiede.

Heute gibt es die Allianz. Schon lange arbeiten Gemeinden auf lokaler Ebene zusammen. Doch das ist erst die Saat. Dieser Trend wird sich intensivieren und multiplizieren, weil es in Zukunft nicht sehr viele Alternativen geben wird. Wer nicht zusammenarbeiten will, wird exklusiv sterben, und der Grabstein wird ebenso schwer wie der dort verscharrte Dickkopf sein.

Das heißt ganz praktisch, dass es auch zu Verschmelzungen ganzer Denominationen kommen wird. Die schwedische Freikirchengeschichte zeigt dies im Superkonzentrat. Wenn man jede Denomination mit einem Eisenbahngleis vergleicht, dann sieht Schweden wie der Maschener Güterbahnhof aus; wenige Gleise werden viele und am Ende führt doch alles wieder zusammen.

Selbst in der Mission, einem der größten Zankäpfel zwischen Freikirchen und großen Kirchen, gibt es unerwartete Annäherungen. Vergleicht man die offiziellen Dokumente (z.B. Kapstadtverpflichtung [Lausanne] und "Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt" [ÖRK und WEA]), so sieht man einen eindeutigen Trend der Freikirchler hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit (und nicht nur Wortproklamation) und einen eindeutigen Trend der vermeintlich liberalen Kirchler zum klaren Christusbekenntnis. Wäre es wohl denkbar, dass hier der Heilige Geist seine Finger im Spiel hat?

Ob das immer gut oder schlecht ist, kann man nie allgemein behaupten. Alles hat seine zwei Seiten. Fest steht, dass Zusammenarbeit in Zukunft als Selbstverständlichkeit angesehen wird. Nachfolgende Generationen werden den Kopf schütteln über einige ihrer Vorväter und ihren ausgeprägten Spalt- und Keilgeist.

Auch das ist im Grunde eine zutiefst biblische Entwicklung. Hieß es nicht irgendwo in der Heiligen Schrift, dass wir einander annehmen sollen? Und dass es nur einen Vater gibt? Und einen Himmel? Die Zukunft hält viele Möglichkeiten bereit, jene himmlische, geschwisterliche Einheit schon mal auf Erden zu proben.

Ein gutes Bild für moderne Kirchengeschichte




26 Januar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (4) hat mehr Liturgie


Der Trend geht eindeutig zur Liturgie. Nicht irgendwelche regelmäßigen Gottesdienstgewohnheiten, die in Freikirchen auch schon mal gerne als "Liturgie" gesehen werden, sondern echte, klassische Liturgien unterschiedlicher Färbung. Stundengebete, Wechsellesungen, Gesänge, symblische Handlungen und so weiter. Vor allem junge Leute entdecken den kostbaren doch kostenlosen Wert und Reichtum, der darin zur Verfügung steht.

Dafür gibt es einfache Erklärungen. Eine ist, dass es in Zukunft immer weniger Profi-Christen, also studierte und bezahlte Priester, Pfarrer und Pastoren geben wird. Damit werden es weniger Experten und mehr "Laien". Doch eine fertige Liturgie zur Hand nehmen und sie gemeinsam lesen und beten, das kann wirklich fast jeder.

Ein anderer ist, dass extrem viel weniger Grundwissen über den Glauben vorhanden sein wird. Kein Religionsunterricht mehr, keine Unterweisung, wenig christliches in den Medien. Da können klösterliche Liturgien eines Kirchenjahres als hilfreiche Ersatzpädagogen einspringen und die ungeahnten Dimensionen und Weiten des Glaubens aufzeigen.

Ein ganz anderes, aber riesiges Problem ist der Verlust unserer Identität. Nie haben sich so viele Menschen "Wer bin ich?!" gefragt wie heute. Diese Krise färbt auch auf die Gemeinde ab. Wenn sich ausgerechnet jemand wie Ulf Ekman entscheidet, katholisch zu werden, dann ist das fast so als würde der Papst Baptist. Beweis für eine schwere Identitätskrise. Liturgien geben halt. Man muss sich nicht ständig neu erfinden.

Nicht zuletzt ist die Mystik auf dem Vormarsch. Die Leute sind es satt, auf alles eine erklärbare, logische Antwort zu bekommen. Viele verstehen schon lange, bevor sie gläubig werden, dass Gott nicht wirklich erklärbar ist. Gute Liturgien helfen, sich in der Tiefe des nicht völlig Erklärbaren zu versenken.

25 Januar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (3) hat kein Gemeindehaus


Gemeindehäuser und Kirchbauten sind keine Erfindungen des Neuen Testaments, sondern des römischen Reiches. Als Konstantin, römischer Kaiser seines Zeichens, das Christentum im 4. Jahrhundert erst tolerierte und später zur Staatsreligion erklärte, tat er dies mit typisch römischem Religionsverständnis: Es war Aufgabe der Götter, sich um das Wohl des Reiches zu kümmern und es war Aufgabe der Priester, das Wohl der Götter sicherzustellen. Die Göttertempel Roms waren also alles andere als religiöse Nebensache, sondern erfüllten einen poltisch-militärisch-wirtschaftlich extrem wichtigen Staatsauftrag. Als Konstantin zur Einsicht kam, dass der Gott der Christen stärker sein muss als alle römischen Götter zusammen, handelte er mit logischer Konsequenz und händigte in einem längeren Prozess sämtliche heidnischen Tempel an die Bischöfe der Christen aus. Fortan sollten sie ihren Gott dort so manipulieren, dass er Rom wohlgesonnen war. Die heidnischen Tempel wurden christianisiert, die Idee des Kirchbaus war geboren.

Jenes Kichengebäude wurde im Laufe der Jahrhunderte verfeinert und hat phantastische architektonische Meisterleistungen hervorgebracht. Als nachreformatorische Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen reich genug wurden, leisteten sie sich ihre eigenen Versionen und bauten eher pragmatisch angelegte Gemeindehäuser als eine Art Mutation gewöhnlicher Kirchen und Kathedralen.

In heutigen Zeiten, wo auf westlichem Boden die Institutionen im Allgemeinen zerbröseln, zerfällt auch Konstantins Kirche-Staat-Ehe mehr oder weniger zu Staub. Und damit wird Kirche, wie die meisten sie kennen, obsolet. So manche Glaubensbewegung wirkt dem zwar durch Übernahme von Kirchen und Neubauten und Gemeindehäusern entgegen, kann die großen Trends damit langfristig aber auch nicht aufhalten.

Was viele beunruhigt, sollte uns eigentlich dankbar werden lassen. Denn jener Trend bringt uns wirklich näher zurück zur Bibel. Das Neue Testament ist nämlich recht eindeutig: Hier gibt es weder Tempel noch Synagoge noch Gemeindehaus - der einzige Tempel des NTs ist Jesus selbst, und seine Jünger sind die Steine. Gemeinschaft ist's - Gemeinschaft mit Jesus, Gemeinschaft miteinander und Gemeinschaft auf gemeinsamer Mission. So buchstabiert die Bibel Kirche.

Aber man muss doch einen Platz haben, um sich zu treffen, um anzubeten, gell? Klar braucht man das, und uns steht ein ganzer Globus zur Verfügung. Wir können uns treffen, wo wir wollen. Unter Brücken, auf Bergen, hinter jedem Busch. Ein Klassiker des NTs ist aber zu Hause, weil da das wahre Leben stattfindet. Oikos ist der Platz, wo Jesus bei Zachäus in Lukas 15 einziehen will: Daheim, da, wo wir sind, wie wir wirklich sind. In Ehe und Familie tragen wir keine Masken, deswegen ist Jesus dort nötiger als anderswo. Oikos ist übrigens auch der Platz, wo sich viele Gemeinden in muslimischen Ländern heimlich treffen.

Und wenn man sich erinnert, dass es im "Hause Gottes viele Wohnungen für uns gibt" (Joh 14,2)* dann lädt uns sogar der Allmächtige selbst in seine intimste Wohnstatt ein. Was da wohl alles so zu erwarten ist. So gesehen ist die Gemeinde der Zukunft nicht nur auf dem Zeitstrahl der Geschichte, sondern auch im Alltag viel näher am Himmel als diese römischen Traditionen von vorgestern...


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* Johannes 14,2 verwendet die ähnliche griechische Abwandlung oikia (ἡ οἰκία) und nicht oikos (ὁ οἶκος). Oikos scheint ein breiteres Spektrum an Bedeutungen zu haben, oikia betont meines Wissens mehr den privaten, fast schon intimen Charakters des zu-Hause-Seins.


24 Januar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (2) wird kein Geld haben


Kleine Gemeinden brauchen kleine Geldbeutel. Oder gar keinen. Doch so wie wir Kirche kennen, erscheint die Null-Budget-Gemeinde als schier undenkbar. Die Zukunft wird jene Unmöglichkeit widerlegen. Es gibt sie heute schon, Gemeinden ohne Konto und Kassierer. Zwar werden sie von den Großen, "Richtigen" selten ernstgenommen, doch dafür können sie niemals pleite gehen. Der Bau des Gottesreiches ist ohne einen einzigen Cent in der Tasche möglich, das wissen wir seit Lukas 10.

Das bedeutet nicht, dass es keine Spenden oder "Zehnten geben" mehr geben wird. Im Gegenteil. Kleine Gemeinden müssen oft viel tiefer in die Tasche greifen, um manche Dinge möglich zu machen. Gastfreundschaft und Großzügigkeit werden keine Pflichten, sondern wahre Werte sein, die man sich was kosten lässt. Man organisiert sich anders und teilt anders. In Zeiten materiellen Überflusses sehen immer mehr junge Christen ein, dass z.B. drei Familien nur eine Bohrmaschine brauchen und nicht umgekehrt. Das ist anders - aber keinesfalls unbiblisch.

23 Januar, 2017

Die Gemeinde der Zukunft (1) wird klein sein


Die Gemeinde der Zukunft wird eine kleine Gruppe Leute sein, ähnlich einer LTG (Life Transforming Group). Man trifft sich regelmäßig, um ehrlich auszutauschen, was Gott in ihrem Leben tut und wie Nachfolge hier und heute im Alltag aussieht. Dazu wird man miteinander die Heilige Schrift und andere Ressourcen studieren. Man beichtet voreinander und betet füreinander. Manche dieser Kleinstgemeinden werden sich zu Netzwerken zusammenschließen, andere nicht. Nur wenige Minigemeinden werden sich einer heute bekannten Denomination oder Kirche anschließen und wenn doch, dann nur lose und ohne große Verpflichtungen. Wenn überhaupt, so werden kaum neue Denominationen gegründet (Ausnahmen sind Zusammenschlüsse alter, schrumpfender Denominationen zu einer neuen, größeren).

Das bedeutet nicht, dass es keine großen Gemeinden mehr geben wird. Im Gegenteil, ein gegenläufiger Trend geht zur Megagemeinde. Dort werden sich alle sammeln, denen das klassische Gemeindemodell mehr liegt. Diese Gemeinden werden entweder stark charismatisch oder deutlich liturgisch geprägt sein. Liberale und evangelikale Gemeinden werden schrumpfen und in manchen Gegenden aussterben. Die heranwachsenden Megagemeinden werden relativ viel Aufmerksamkeit erregen und "das neue Bild von Kirche" prägen, doch in Wahrheit stellen sie eine Ausnahme dar und sind zahlenmäßig unterlegen. 

22 Januar, 2017

Beten im Januar

20 Januar, 2017

Let's make Europe GREAT again!



Die heutige Amtseinführung Trumps war von mir so nicht geplant. Ich verspreche es. Doch sie passt hervorragend zu meiner neuen Serie über die Gemeinde der Zukunft. Denn alle Trumps, Brexits oder Pegidas dieser Welt sind Symptome desselben Phänomens: Unsere Angst vor der Zukunft, unsere Unsicherheit, mit den rasenden Veränderungen dieser Zeit umzugehen.

Es heißt, es waren weiße, "evangelical" - ob man das jetzt mit evangelikal oder evangelisch übersetzt, ist egal - Christen, die Trump zum Sieg verholfen haben. Dieser Typ Mensch hat den Drang, das Leben in rechten, geordneten und "sündlosen" Bahnen halten zu wollen. Rückt einem die gefühlte Unordnung aber zu bedrohlich auf den Pelz, greift man mitunter zu drastischen, nicht selten scheinheilig-rechtgläubig klingenden Gegenmaßnahmen. So manche Gemeindeschlammschlacht beweist die verzweifelten Versuche, "Ordnung" wiederherzustellen.

Es heißt, es waren auf dem Lande lebende ältere Herr- und Damschaften, die den Brexit möglich gemacht haben. Menschen, in deren Köpfen die Welt noch aus der exklusiven Insel in der Nordsee bestand und die mit EU und Immigration nichts anfangen wollen, sich stattdessen nach den Glanztagen des Commonwealth sehnen.

Es heißt, Pegida ist in Ostdeutschland entstanden. Einem Landstrich, dem Fortschritt politisch motiviert über Jahrzehnte verwehrt wurde, und der dann plötzlich nachholen musste, woran andere Menschen sich über ein halbes Jahrhundert gewöhnen konnten. Verunsicherung ist urmenschlich und zeigt, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Zu viel Veränderung auf einmal verursacht Stress, je nach Persönlichkeit mehr oder weniger. Vor allem, wenn gleichzeitig alle festen Lebensstrukturen, die uns Glauben und Halt gaben, zu einer Art kosmischen Amöbe zerfließen. Neben allen ohnehin schon riesigen Veränderungen sind "Ausländer" der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Stress lässt uns Entscheidungen treffen, die wir später bereuen mögen. Im Grunde steckt in jedem von uns ein Trumpwähler, Brexitbefürworter, Pegidademonstrant. Der letzte Streit in det Familie ist der jüngste Beweis.

Es gibt aber zwei Möglichkeiten, unser Land, Europa, den ganzen Westen wirklich wieder großartig werden zu lassen.

Erstens, wir müssen einsehen, dass Jesus Herrscher ist und niemand sonst. Ihm gehört unser volles Vertrauen, unsere Loyalität, unser Einsatz. Wer Jesus folgt, gewöhnt sich nicht nur an ständige Veränderungen, denn Jesus ist jeden Tag für eine unerwartete Überraschung gut, sondern lernt auch, das Leben so leicht zu nehmen wie ein Kind. Wir haben einen himmlischen Papa, der uns mitten im Chaos gerne mal einen heißen Kakao mit Sahne auf den Tisch stellt. Wer kann da noch besorgt sein?!

Zweitens, wir müssen genau das der jungen Generation beibringen. Obama sagte, er hoffe auf die nächste Generation. Junge Briten sind entsetzt über die Entscheidung der Alten. Die jungen Generationen des Westens wachsen mit einer völlig anderen Weltsicht auf. Chaos, Durcheinander, multikulti, Toleranz und Weltoffenheit sind Grundwerte. Was sie brauchen, ist stabiler Glauben, und Weisheit, die mit Gottesfurcht beginnt. Sie brauchen Liebe aus elterlichen und großelterlichen Generationen, die sie begleiten und wohlwollend auf den Weg senden. Die sie mit ihren Gebeten begleiten.

Nur wahre Vertreter des Himmelreiches machen ein Land "great again". Denn nur das Himmelreich ist wirklich großartig.

Bist Du bereit für Veränderung?

”Am nächsten Tag gegen zwölf Uhr näherten sich die Männer bereits der Stadt. Um diese Zeit ging Petrus zum Beten auf die Dachterrasse hinaus. Kurz darauf bekam er Hunger und wollte essen. 

Während ihm etwas zubereitet wurde, hatte er eine Vision. Er sah den Himmel offen und etwas wie ein großes leinenes Tuch auf die Erde herabkommen. Es wurde an vier Zipfeln gehalten, und in ihm befanden sich alle möglichen Arten von Vierfüßlern, Kriechtieren und Vögeln. Eine Stimme sagte: "Los, Petrus, schlachte und iss!" "Auf keinen Fall, Herr!", sagte Petrus. "In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals etwas Verbotenes oder Unreines gegessen!" Doch die Stimme forderte ihn ein zweites Mal heraus: "Was Gott für rein erklärt hat, halte du nicht für unrein." 

Das alles geschah drei Mal, dann wurde das Tuch wieder in den Himmel hinaufgezogen.”
Apostelgeschichte 10:9-16 (NBH)

Wie hättest Du an Petrus Stelle reagiert, wenn Gott Dich zu etwas auffordert, was Du noch nie gemacht hast, eigentlich auch gar nicht machen willst und wo Du Dir auch überhaupts nicht sicher bist, ob Gott so etwas überhaupt sagen würde, weil Du es bisher noch nie gehört hast? 

19 Januar, 2017

Wird es eine Gemeinde der Zukunft geben?


Steigende Säkularisierung. Enorm veränderte Alltagsgewohnheiten. Ständige, wenig christliche Medienbombardierung. Multikulturelle und -religiöse Gesellschaften. Rekordmäßige Kirchenaustrittszahlen (allein in Schweden sind 2016 so viele Menschen ausgetreten wie niemals zuvor). Das Wachstum mancher Freikirchen ist in alledem kein Gegentrend, sondern ein Teil der Symptome, weil es meist auf Kosten anderer Teile des Leibes Christi geht. Man kann sich fragen: Wird es in ein, zwei Generationen und danach überhaupt noch Gemeinde geben?

Selbst wenn alle Trends fortsetzen wie bisher, selbst wenn es in Zukunft vielleicht sogar noch steiler in diese Richtung gehen wird, so ist die Antwort eindeutig: NATÜRLICH wird es das! Warum? Weil es nicht um uns, sondern um Gott geht. Gott hat die Gemeinde zu seiner eigenen Herrlichkeit geschaffen, nicht zu unserer.

Erst durch die Gemeinde sollte Gottes Plan den Mächten und Gewalten in der Himmelswelt bekannt werden. Auf diese Weise sollten sie die vielfältige Weisheit Gottes kennen lernen, denn so entsprach es dem ewigen Plan Gottes, den er in Jesus Christus, unserem Herrn, verwirklicht hat.
Epheser 3,10-11

Aus diesem Grund wird Gott es nicht zulassen, dass ein so wichtiger Teil seines Plans völlig zerstört wird. Wir Menschen können das nicht verprechen. Wir sind alle miteinander viel zu schwach zum echten Durchhalten aus eigener Kraft. Doch Gott wird immer einige Tausend übriglassen, die ihre Knie nur vor Ihm beugen. In jedem Land.

Was allerdings auch sicher sein wird ist, dass diese Gemeinden ganz anders sein und leben werden, als es für uns normal ist. Für uns, die wir in den kommenden 50 Jahren vermutlich in die Ewigkeit eingehen werden, ist das insofern wichtig, als wir den jungen Generationen, die die Gemeinde in den kommenden 50 Jahren formen werden, Freiheit und Anleitung geben. Freiheit, um die Formen zu finden, die für sie funktionieren. Anleitung, um die Prinzipien zu finden, auf die es wirklich ankommt.

Ich werde in den kommenden Posts einige Eigenschaften und Charakteristiken der Gemeinde der Zukunft beschreiben, von denen ich mir sicher bin, dass sie eine mehr oder weniger große Rolle spielen werden.

Die große Frage an Dich ist: Bist Du bereit für Veränderung?



18 Januar, 2017

Der Urdenker der Gemeinde der Zukunft


Wer sich professionell mit einem bestimmten Thema befasst, kommt nicht umhin, sich auch mit der Geschichte jener Thematik auseinanderzusetzen. Wie hat alles angefangen? Wie wurde es entwickelt? Wenn wir uns also intensiv mit allen gesellschaftlichen Veränderungen auseinandersetzen und ihren Auswirkungen auf Jüngerschaft und zukünftige Gemeinde und Mission, dann sollte eine Person erwähnt werden, die als "Urtyp" aller Vordenker für zukünftige Gemeinden angesehen werden kann.

Es handelt sich um den Italiener Joachim von Floris. Joachim war ein stark eschatologischer Denker, baute seine Theologie von der Zukunft ausgehend auf, setze sich für geistliche Erneuerung ein und hat Klöster wie Orden mit seinem Denken nachhaltig beeinflusst. Wie alle, die in der Kirche außergewöhnlich oder anders als die großen Massen waren, wurde auch Joachim zu seiner Zeit im 12. Jahrhundert von der Kirche schräg beäugt, aber nie als Häretiker verurteilt. Bis heute wird so manche Erneuerungsbewegung in Kirchen zumindest auf philosophischer Ebene mit ihm in Verbindung gebracht.

In manchen Dingen war Joachim mir recht ähnlich, in anderen könnten wir uns aber nicht unterschiedlicher sein. Es gibt übrigens jemand, der ein echter Joachimexperte ist - ein Mann, von dem ich es am wenigsten erwartet hätte: Unser Papa Ratzi, Joseph Ratzinger, später Benedikt XVI. Er hat Abhandlungen über Joachim verfasst, die über mehrere Jahrzehnte veröffentlicht wurden.

Für mich persönlich und unseren Dienst bei Communitas spielt Joachim, wenn überhaupt, nur eine sehr, sehr kleine Rolle. Doch der Vollständigkeit halber wollte ich ihn gerne hier auf new-reformation erwähnt sehen, denn irgendwie gehört er ja schon dazu - und ich freue mich schon drauf, in der Ewigkeit mit ihm einen Termin zum Plaudern auszumachen.

17 Januar, 2017

DESHALB verlieren wir nicht den Mut!

16 Januar, 2017

Die Tücken des Januars


Neulich bat mich meine Frau, sie abends mit dem Auto abzuholen. Es war ein sehr kalter, dunkler Januarabend. Am Tag zuvor hatte es geschneit. Wie immer kam der Schneepflug eine Woche zu spät. Nachdem der Wagen freigelegt und -gekratzt war, konnte ich losfahren. Doch irgendwas stimmte nicht. Ich hielt an, gab wieder etwas Gas und ließ die Kupplung kommen. Der Motor heulte, die Räder drehten auf fast flacher Straße durch. In seinem 17. Winter hatte unser Bulli sich zum ersten Mal die Handbremsen festfrieren lassen.

Alle Versuche, sie zu lösen, scheiterten. Das war insofern ein größeres Problem, als ich unseren Sohn am nächsten Morgen um fünf Uhr zum Flughafen bringen musste. Geduld, Hämmerchen, Holzklötzchen und Heißluftföhn waren schließlich die Tricks, die zur Lösung führten. 

Was unser Auto in 17 Jahren zum ersten Mal erlebte, passiert mir als Mensch seit zehn Jahren jeden Januar: Die Handbremsen frieren fest. Es bedeutet, dass man die gleiche Menge Energie, die man sonst zur Fortbewegung auf dreihundert Metern verbraucht, nun allein beim erfolglosen Versuch verbrennt, sich überhaupt in Bewegung zu setzen. Man gibt mehr Gas, doch die Räder drehen durch. Gelingt es dennoch, Fahrt aufzunehmen, so geht alles sehr träge voran und jede Bewegung kostet extrem viel Kraft. Ignoriert man dies, läuft man heiß und richtet größeren Schaden an. Beim Menschen heißen festgefrorene Handbremsen SAD oder Seasonal Affected Disease (jahreszeitlich bedingte Krankheit), zu deutsch umgangssprachlich einfach Winterdepression. Ich weiß noch genau, wie ich mich im Januar 2007 eines Morgens im Schlafzimmer unseres neuen Heims in Göteborg zum allerersten Mal fragte, warum plötzlich das Aufstehen, die Zahnbürste, der Tag, die Woche, das ganze Leben vor mir so schwer und sinnlos erscheint. 

Seither habe ich eine Menge Gegenmaßnahmen ergriffen. Einen Hund, der täglich eine Stunde Auslauf braucht. Sport, Obst, ein Lichtwecker. Viel Fisch essen und zusätzlich Vitamin D einnehmen. Alles hilft ein bisschen, und zusammengenommen hilft es spürbar. Trotzdem friert man Jahr für Jahr ein bisschen fest, mal mehr, mal weniger.

Vitamin D-Mangel ist wohl der Hauptgrund. Das Sonnenvitamin wird in der Haut durch UV-Strahlung gebildet und beeinflusst unseren Haushalt der Hormonkontrahenten Melatonin und Serotonin. Serotonin macht dich wach und fit am morgen, Melatonin müde und träge am Abend. Leicht zu sehen, wo bei Winterdepressiven das Ungleichgewicht liegt. Anders als Vitamin C, dass einfach ausgeschieden wird, nimmt man zuviel davon, lagert sich Vitamin D im Körper an. Zuviel des Guten kann schädlich sein, und deshalb werden wir im Sommer braun. Das ist unser eingebauter Lichtfilter, damit die Haut nicht zu viel herstellt. Hier im Norden steht die Sonne im Winter aber so tief, dass kein UV-Licht mehr durchkommt. Selbst an wolkenlosen Tagen nackt im Schnee tanzend wird Null Vitamin D gebildet. Im Januar sind entsprechend alle D-Tanks trockengefahren. Das Melatonin übernimmt die Herrschaft, die Depression nimmt ihren Lauf. Auf der verzweifelten Suche nach jedem noch so kleinen UV-Strählchen wird meine Haut so weiß wie Papier und die Seele schwarz wie Tinte.

Am anstrengendsten ist neben der eigentlichen Krankheit die Tatsache, dass du allein damit bist. Kein Depressiver will mit einem anderen Depressiven reden, das baut nämlich selten auf. Doch auch nicht-Depressive wollen davon nicht viel hören. Wie wohl jede Krankheit muss man sie wohl ganz allein auskurieren.

Doch die gute Nachricht ist, dass es sich eben doch nur um eine jahreszeitlich bedingte Störung handelt. Bis jetzt ist jeder Januar noch zu Ende gegangen. Und spätestens im April sieht die Welt wieder ganz anders aus.




14 Januar, 2017

Auch Norwegen schafft Staatskirche ab

Zur Abwechslung eine kurze Nachricht aus Skandinavien (wo ich schon hier im Norden lebe):

Im Jahre 2017 wird sich auch der norwegische Staat von "seiner" Kirche trennen: Die Staatskirche wird abgeschafft. Dies geschieht also 500 Jahre nach der Reformation und 17 Jahre nachdem Schweden den gleichen Schritt gegangen ist. Es zeigt, dass auch in Norwegen die Säkularisierung voranschreitet, obwohl man im Land der Fjorde wirklich noch längst nicht so weit ist wie anderswo, und das ist sehr gut für die Norweger. Hier gibt es noch durch Bekehrung wachsende Gemeinden und gut besuchte Alphakurse. Auch M4, ein Trainingsprogramm für Gemeindegründer im Stile der Gemeindewachstumsbewegung der 1990-er Jahre, wurde in Norwegen entwickelt.

Stabkirche der Staatskirche Norwegens (Foto: Tomasz Halszka via Wikipedia CC)

13 Januar, 2017

Die hässliche Seite der Schönheit


Viele Deutsche mögen Schweden, nicht zuletzt schwedisches Design. Neulich machte ich mit einigen Deutschen eine Stadtführung durch Göteborg, und die Kommentare waren eindeutig: "Wie schön!" "So sauber und aufgeräumt!" "Der Weihnachtsschmuck ist gar nicht so kitschig!" "Die Schweden wissen, was schön ist!" Richtig, die Schweden verstehen es.

Ich möchte euch eine kurze Geschichte von Yngryd erzählen. Sie ist eine typische Schwedin, groß, blond, schlank. Wie alle Schweden machte sie Abitur, und wie viele andere legte sie hinterher ein Gapyear ein, eine Zeit im Ausland, um die Welt kennenzulernen und das Leben zu genießen. Die Welt war so spannend, dass aus dem Gapyear zwei Gapjahrzehnte wurde. Als sie wieder zurückkam, war es Zeit für eine Berufsausbildung, fand sie. Hier trafen wir Yngryd zum ersten Mal. Sie war interessiert an H2O. In vielen Unternehmungen und tiefen Gesprächen lernten wir sie recht gut kennen. Yngryd fühlte sich leer und suchte nach mehr. Eine Gemeinde, die anders war, schien attraktiv.

Wer Yngryd zu Hause besucht (was in Schweden nicht so oft vorkommt, man lässt Fremde nicht so gern in sein Heim), wird überrascht sein. Die Wohnung ist wie eine Designerausstellung. Alles perfekt arrangiert, aufeinander abgestimmt, sauber, schön. Der Garten ebenfalls. Perfektes Gras, Steine, Lampen, Deko. Nicht zu viel und nicht zu wenig - genau lagom, wie man in Schweden zu sagen pflegt.

Als Yngryd einsah, dass der Glaube an Jesus, den H2O lebte und vermittelte, keine Dekoware ist, die das Leben schmückt, sondern ein Lebensstil, der Hingabe, Treue und Opferbereitschaft erfordert, wandte sie sich ab. Der Preis war zu hoch. Nachfolge ging nicht. Sie wollte keinem Messias folgen, sondern ihr Leben selbst bestimmen.

Seither lebt sie in einer wunderbaren Wohnung mit phantastischem Garten und verschönert ständig noch mehr. Doch ihre Seele ist einsam, leer und zunehmend verbittert.

Yngryd ist ein kleines Beispiel für ein ganzes Gesellschaftsphänomen. Unsere Städte, Häuser, Computer, Mobiltelefone werden in gleichem Maße schöner wie der Mensch, der sie bevökert und benutzt, vereinsamt und innerlich verdorrt. Wunderschönes Design kann Symptom für eine hässliche Krankheit sein: geistliche Hypothermie. Schau Dich um: Bald kommunizieren wir mehr mit Geräten als mit Menschen aus Fleisch und Blut.

Dies muss dringend Auswirkungen darauf haben, wie wir Jüngerschaft lehren, einüben und leben. Also: Versteck Dich nicht. Montiere Deine Gardinen ab. Lass Menschen in Dein Leben schauen. Sei gastfrei. Sei kreativ. Wir Christen müssen Beispiele dafür sein, wie im Durcheinander des Miteinanders eine Schönheit entdeckt wird, die unsere reine und gestylte Welt nicht bieten kann.

12 Januar, 2017

Die Leere war eine Lehre

Angeredsbron
 "Bitte lass mich auch die andere Seite sehen!" war mein wiederholtes Gebet beim Anblick der vielen Häuserfassaden während der ausgiebigen Gebetsmärsche im ersten Jahr unseres außergewöhnlichen Dienstes. Es dauerte seine Zeit, doch Gott antwortete. Die Türen, die mir in den Jahren danach in die unterschiedlichsten Wohnstätten geöffnet wurden, führten mich in vielen Fällen in eine Welt der Verzweiflung.

Alkohol- oder Drogenmissbrauch, völlige Einsamkeit, zerbrechende Beziehungen, Oberflächlichkeit, Krankheit, Angst. Mal mehr, mal weniger. Mal überdeutlich, mal subtiler. 

Manche von denen, die ich dort antraf, waren in religiösen Familien groß geworden und haben sich aus diversen Gründen wieder vom Glauben abgewandt. Oder sie kämpften mit ihrer religiösen Vergangenheit. Viele, sehr viele andere hatten aber so etwas wie Glauben, der das Leben prägt, nie erlebt. 

Meine Augen sahen eine Menge Menschen, meine Ohren hörten unzählige Geschichten, mein Herz spürte die Verzweiflung, die längst nicht alle formulieren wollten. Die darin erahnte Summe des Leids in all seinen Formen auf der anderen Seite der Fassaden liegt mir seither auf der Seele. Ich bringe sie vor Gott und will sie bei ihm abgeben. Doch das Erlebte hat mir die unschuldige Naivität geraubt. Nun weiß ich, was in der schönen neuen Welt da draußen wirklich abgeht. 

Das Schlimmste von allem ist jedoch die allgegenwärtige, übermächtige Lüge der Hoffnungslosigkeit. Stellt Euch vor, Ihr kommt an einer Brücke vorbei, wo ein Mensch dabei ist, sich das Leben zu nehmen. Ihr wollt natürlich helfen und haltet an, beginnt ein Gespräch, nehmt euch Zeit. Eine kleine Beziehung beginnt und ihr erfahrt, dass der Grund zum Sprung in die Tiefe ein platter Reifen ist. Ihr seid überrascht, dass eine eurer Meinung nach so kleine Ursache so dramatische Wirkung haben kann.  Alle Erklärungsversuche, dass dieses Problem doch ohne Weiteres gelöst werden kann, gehen in den Wind: euch wird erläutert, dass das ganze Leben doch ein platter Reifen sei, der ohnehin immer wieder platze, schön, dass ihr ja noch so wunderbar optimistisch seid, schön dass euer Glaube euch da hilft, bewahrt euch das mal schön, denn irgendwann werdet auch ihr es bitter nötig haben, doch meinen Reifen, nein, den flickt keiner mehr, zu oft geflickt, selbst neue Reifen halten nicht. Und dann verschwindet jener Mensch vor euren Augen im Nebel. Ihr könnt nichts machen außer hoffen, dass der Sprung ins Wasser ging, überlebt wurde und jener Mensch dann doch noch einen Neuanfang schafft und lernt, die Nagelbretter dieser Welt zu vermeiden. Solche Geschichten habe ich (ein bisschen zu) oft erlebt. Meist war der platte Reifen irgendeine Form der Einsamkeit. Die Luft war raus und man war zutiefst überzeugt, dass dies niemals zu lösen sei. Die Hölle der Einsamkeit ist erträglicher als die Hölle der Gemeinschaft.

Zu viele haben sich entschieden, der Hoffnungslosigkeit ihren ganzen Glauben zu schenken, und oft beruht dieser Glaube auf zu vielen schlechten Erfahrungen. Und wahrscheinlich auch auf einer aktiven geistlichen Lüge, deren Kraft nicht zu unterschätzen ist. All unsere Liebe, unsere Versuche zu helfen bleiben ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Ich frage den Herrn, warum Er denn nicht mehr dagegen tue. Schließlich ist es doch Seine Welt und es sind Seine Menschen, die er liebt. Und Er scheint zu antworten, dass Er doch schon alles getan habe. Aus Liebe könne und wolle Er aber niemanden zwingen. Er biete alle Seine Hilfe und Seine ganze Kraft an, doch der Mensch müsse die Hilfe auch wirklich annehmen wollen.

Und außerdem, so erinnert Er mich, habe ich während meiner vielen Gebetsmärsche doch auch immer wieder darum gebeten, die Welt mit Seinen Augen sehen zu dürfen. Und weil ich dieses Gebet wirklich ernst gemeint habe, habe Er mir gezeigt, wie die Welt für Ihn ist. Heute freue Er sich darüber, dass ich Ihm in diesem Prozess etwas ähnlicher geworden sei und gelernt habe, das Herz meines Herrn ein wenig besser zu verstehen.  


11 Januar, 2017

H2O im Rückspiegel



Im Rückspiegel sieht vieles ganz anders aus als durch die Windschutzscheibe.

Als wir vor zehn Jahren begannen, unseren Dienst in Göteborg vorzubereiten, kristallisierte sich der Auftrag heraus, neue Ansätze für die Gemeinde der Zukunft zu entwickeln, und zwar durch den Start eines Pilotprojektes. Vor unserer Ausreise sah der Plan im Groben so aus:

a) Möglichst viele Menschen weit außerhalb bestehender Kirchen und Gemeinden kennenlernen und freundschaftliche Beziehungen zu ihnen aufbauen und pflegen

b) Mit Unterstützung vieler Fürbeter möglichst viele kreative Ideen entwickeln und testen, wie das Evangelium dort proklamiert werden kann, wie man Interesse weckt und um dann dazu einzuladen

c) Eine Anzahl x Menschen wird erwartungsgemäß daraufhin Jesus und neues Leben finden und sowohl mit Jesus als auch in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten leben wollen (x war nicht definiert, doch lag wahrscheinlich gefühlt irgendwo zwischen 30 und 100)

d) Gemeinsam mit den Leuten aus der Menge x entwickeln wir Ideen und Ansätze, wie Jüngerschaft in unserer Zeit gelehrt und eingeübt werden kann

e) Nach erreichter Selbstständigkeit wird der gesamte Prozess ausgewertet und daraufhin neue und ähnliche, aber angepasste Projekte in nah und fern gestartet und zu einem mehr oder weniger losen Netzwerk verknüpft

f) Die Summe aller Erfahrungen wird allen Gemeinden als eine Ressource für Missions- und Gemeindegründungsarbeit zur Verfügung gestellt.

So weit, so gut.

Punkt a) und b) hat unsere Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen.

Punkt c) wurde hingegen zum Hornberger Schießen: unsere "gefühlten" Erwartungen an x waren maßlos übertrieben. Nur extrem wenige haben es geschafft.

Mit c) als schwächstem Glied der Kette kam es nie zu d) - f), jedenfalls nicht, wie erwartet. Stattdessen wurde a) und b) wiederholt und schließlich H2O vom eigenen Team und damit vor allem von langjährigen, wenn auch sehr missionarischen Christen geformt, aber kaum unter Einbeziehung Neubekehrter.

Diese Geschichte ist nach wie vor eine Fallstudie aus der es viel zu lernen gibt. Im Laufe der Zeit habe ich auf new-reformation eine Menge Blogposts geschrieben, die das Erlebte vorstellen, dokumentieren, reflektieren und bearbeiten. Viel gehört jetzt ausgewertet, denn erst im Rückblick ergeben manche Dinge Sinn, viel mehr, als zunächst klar war. Muster werden erkennbar. Eines davon möchte ich heute erwähnen.

Obwohl wir uns als bewusst "missionales" Projekt klar von erfolgreichen "attraktionalen" Megagemeinden wie z.B. CA's Crossroads-Gemeinden distanziert haben, sind wir unterbewusst mit derselben Grundannahme wie z.B. Willow-Creek ans Werk gegangen: Der Wunsch nach "relevanter" Gemeinde. Was uns von Mega- und weniger Megagemeinden unterschied, war der Wunsch, weniger Programm im Gemeindehaus und dafür mehr Beziehung auf Grund und Boden des Missionsfelds zu haben. Obwohl das an sich sehr gut ist und dringend benötigt wird, so ist der Kern der Sache doch derselbe: Wenn Form und Inhalt stimmen, dann wächst auch die Gemeinde. Im Grunde wollten wir mit Hilfe der potentiellen Ernte auf dem Missionsfeld noch bessere Form und noch relevantere Inhalte finden. Auch dies ist sehr gut und wird, wenn gut gemacht, dringender gebraucht  denn je. Problematisch wird allerdings die Schlussfolgerung "... dann wächst auch die Gemeinde."

Hier haben wir eine Hypothese, die mir im Laufe der Jahre immer und immer und immer wieder und noch einmal begegnet ist. Man findet sie Gemeinden, in Literatur, auf Konferenzen, in theologischen Ausbildungen und ganz besonders in Gemeindeentwicklungs- und -gründungskursen. Selten ist sie klar und deutlich formuliert. Meist findet man sie zwischen den Zeilen in Form von Geschichten. Doch die meisten Gemeindeleiter, Missionskommitees und so weiter werden unterbewusst davon gesteuert.

Das Problem wird deutlich, wenn man es umgekehrt ausdrückt: Wächst die Gemeinde nicht, dann stimmen Form und/oder Inhalt nicht. An genau dieser Hypothese sehe ich eine wachsende Anzahl Leiter, Missionare oder Pastoren verzweifeln. Sie sehen nicht das gewünschte Wachstum, damit stellen sie logischerweise ihren Dienst, ihr Leben, sogar ihren Glauben in Frage. Manche geben auf, immer mehr landen im Burnout, viele leben in heimlicher Scham. Wenn Gemeindewachstum allein von Form und Inhalt abhängig ist, hängt nämlich der Wert des Leiters vom messbaren Erfolg ab.

Diese Annahme muss ich massiv in Frage stellen. Es handelt sich hier um eine Missionsvariante des sogenannten Wohlstandsevangelium: Wer alles richtig macht, erhält den Segen Gottes. Für Privatpersonen kann der Segen die Form von Rolexuhren oder Mercedessternen haben. Für Pastoren sind es große Gemeinden oder beachtete Bewegungen. Wer nichts macht, bekommt auch keinen Segen und damit weder Luxus noch Gemeindeeinfluss. Wer alles falsch macht, bekommt Minussegen, auch als Fluch bekannt. Vielleicht ein schwerer Unfall oder eine Krankheit.

Das Wohlstandsevangelium muss sich in allen seinen Formen harte Fragen gefallen lassen. Vor allem muss man die Theologie hinter dieser Prämisse ganz massiv hinterfragen. Wie wir Erfolg definieren, wo unsere Identität und Loyalität in Wahrheit liegt, was "Segen" ist und was nicht, welchen Wert Ausdauer, Treue und Resilienz in unserer Theologie haben, die Anzahl aller darin eingebauten "ja, abers", welche Werte wir mit unserem Geldbeutel bestätigen und welche nicht - viele, viele unbequeme Fragen.

Über die "Gemeinde der Zukunft" nachdenkend, erwachsen aus solchen Gedanken für mich unter anderem zwei Schwerpunkte.

Erstens, eine Lanze für alle brechen, die nicht aufgeben. Dazu gehört, alle Missionare loben, die im Laufe der Missionsgeschichte ihr Leben auf dem Feld gelassen haben, ohne je eine einzige Frucht zu sehen. Jene ermutigen, die sich samt ihren Dienst für Versager halten.

Zweitens, unserer Theologie mal etwas auf den Zahn zu fühlen und fragen, warum sich bei uns ein solch verkapptes Wohlstandsevangelium so penetrant verbreiten konnte. In Zahnlöchern herumpopeln ist schmerzhaft. Doch schmerzhaft kann sehr heilsam sein.

Besser ändert die Gemeinde noch in der Gegenwart den Kurs, bevor sie verzweifelt durch die Windschutzscheibe starrend mit Karacho an die Mauer knallt.



 
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